Erste Erfahrungen mit ULF

Bei der ersten Testfahrt sollten allgemeines Handling und – da es die Heimfahrt am Abend war – das Licht im Mittelpunkt stehen. Da man für Ulf erstaunlich schnell ein Gefühl bekommt und die stufenlose NuVinci-Schaltung mein Interesse weckt, rückt aber auch der erste Bergtest schon ins Programm.

 

Axa Schloss mit 140 cm langer Kette zum Anketten

Für meine ersten Runden geht es sicherheitshalber erstmal vom SpontUN auf den Kirchplatz. Ulf erklärt sich von selbst: Der solide Hauptständer zum Aufbocken folgt dem Prinzip, das auch bei Motorrollern Anwendung findet. Witzig ist die Ganganzeige, die aus einem Gummiradler auf einer Fahrbahnlinie besteht. Bei kleiner Übersetzung staucht sich die Fahrbahn zum Berg auf, bei großer wird die Straße wieder plan. Ulfs Fahrverhalten erinnert an einen T3-Bus, bei dem man ja eher vor der Lenkachse sitzt. Seine Transportkiste scheint dem vom Fahrer aus nicht sichtbaren Vorderrad etwas verzögert zu folgen. Aber man gewöhnt sich schnell daran. Ulfs Wendekreis ist natürlich größer als der eines normalen Rades. Dennoch fühlt er sich recht leichtfüßig, ja sogar hibbelig an. Die nah am Fahrer liegenden Lenkerenden – die Ellbogen habe ist auf Ulf an der Hüfte angelegt – übertragen jede Unruhe des Oberköpers. Erst ab etwa 23 km/h nehmen die Kreiselkräfte auch am kleineren Vorderrad so sehr zu, dass es mit einem Mal erheblich an Stabilität gewinnt. Dann erst kommt Ulfs langer Radstand zur Geltung und er läuft stur geradeaus. So schnell muss man aber auch erst einmal werden! Generell ist die Beschleunigung sehr zäh, wer etwa an dritter Position an der B1-Ampel Hertingerstraße steht, muss schon ordentlich ansprinten, um noch bei der nächsten Grünphase rüberzukommen.

Die Beleuchtung wird von einem Nabendynamo gespeist, besteht aus LED-Technik und hat vorne wie hinten Standlichtfunktion. Der Frontscheinwerfer blendet im Stillstand sofort ab, um seine Leuchtdauer zu erhöhen, was in dieser Form eher unnötig ist. Um gesehen zu werden, dürfte das Restlicht ausreichen. Eher ein Problem ist, dass der Scheinwerfer sehr tief angebracht ist – eben über einem hier sehr, sehr kleinen Vorderrad. Die Leuchtweite ist eher kurz, was sich aber mit einem minimalen nach-hinten-Kippen ausgleichen lassen dürfte.

Der erste Bergtest führt von der Oberstadt über den Ostenberg nach Billmerich und von dort hoch zur Kluse. Diese Anstiege sind mit Ulf machbar, aber keine Freude.Das Bakfiets erweist sich als echter Holländer, stammt aus einem Land mit allenfalls leichten Hügeln, ist daher viel zu hoch übersetzt. Bergauf stampfe ich mit viel Kraft und deutlich zu niedriger Kadenz mit stellenweise weniger als 8 km/h durch die Landschaft. Bergab kann ich noch bis etwa 36 km/h Druck aufs Pedal bringen, ehe der Punkt kommt, an dem das Treten gar nicht mehr lohnt. Ein größeres Ritzel hinten würde die Haarstrangtauglichkeit deutlich erhöhen. Aber auch die Rahmengeometrie passt nicht gut in die Region: Das weit nach hinten gekippte Sitzrohr und der nah am Fahrer liegende Lenker ergeben eine sehr aufrechte Sitzposition. Kraft aus der “Rückenschleife” zu holen, ist schlichtweg nicht machbar. Bei Ulf sind allein die Beinmuskeln gefragt. Immerhin: Wo die Anstiege nicht ohnehin zur kleinsten Übersetzung zwingen, kann man die NuVinci-Schaltung perfekt auf seine Vorlieben abstimmen, die bei mir am Berg eher im schnelleren als im kraftbetonten Treten liegen. Die Übersetzungsbandbreite der NuVinci-Schaltung erscheint mir ordentlich. Und tatsächlich: 360 Prozent stellen die 307 meiner gewohnten Nexus-8-Gang in den Schatten. Über den Wirkungsgrad lässt sich in diesem Vergleich nichts sagen: Wenn es etwas zäh voran geht, muss das bei Ulf nicht am Getriebe liegen…

Oben auf dem Berg ist der heute ruppige Seitenwind durchaus am Fahrzeug zu spüren, aber doch weniger störend als befürchtet.

Eine echte Schwäche offenbart Ulf dann bergab: Die Rollenbremsen erfordern viel Handkraft und sind kaum mit Gefühl zu dosieren. Blockierende Räder braucht hier so schnell niemand zu befürchten. Vorausschauendes Fahren ist wichtiger denn je, denn eine echte Gefahrenbremsung ist damit nicht zu leisten.

Allerdings ist die Fahrt mit Ulf ohnehin etwas gemütlicher als die mit dem Tourenrad: Der zähe Ritt über den Haarstrang hat mein Durchschnittstempo auf dem Heimweg auf 13,4 km/h aufgedrückt. Das schaffen andere zu Fuß. Die maximale Geschwindigkeit lag laut GPS bei 37,2 km/h, in der Ebene läuft Ulf bei mir um die 23 Sachen im Dauerlauf.

 

Ulfs Logbuch – Tag 2:

Der Laderaum ist 63 cm mal 100 cm groß.

Heute stellt sich Ulf dem Vergleich mit meinem normalen Alltagsrad. Hauptaufgabe: Morgens zur Arbeit fahren, abends zurück. Mehr nicht.

Teil 1 der Aufgabe meistert Ulf ordentlich. Die leichten Aufwärtswellen von Schwerte in Richtung Unna drücken zwar immer wieder das Tempo runter, aber am Ende steht ein respektabler Schnitt von 18 km/h. Ich war 43 Minuten unterwegs, also nur etwa fünf mehr als sonst. Die Spitzengeschwindigkeit lag bei 46,3 km/h an einer Stelle, wo das Tourenrad etwa 50 macht. Alles ganz ordentliche Werte für so einen Brummer.

Beim Heimweg aber zeigt sich einmal mehr, das Ulf ein Problem mit Hügeln hat. Statt über Ostenberg und Kluse fahre ich den etwas längeren, aber humaneren Anstieg über die Kleistraße nach Opherdicke. Das brennt nicht ganz so sehr in den Beinen, aber auch hier fahre ich stellenweise so langsam, dass mich ein normaler Jogger überholen könnte. Der Tempodurchschnitt liegt auch diesmal nur bei 13,4 km/h. Dass ich auf dem Heimweg langsamer als am Morgen bin, bin ich gewohnt, aber der Unterschied heute ist extrem: 58 Minuten sind etwa eine viertel Stunde mehr als gewohnt.

Noch eine Beobachtung von heute: Der Wind war noch etwas ruppiger als gestern Abend – immer noch beherrschbar, aber doch spürbar im Aufbau.

 

Ulfs Logbuch – Teil 3:

Heute ist Ulfs Familientag. Als ich das Garagentor aufschwenke, bekommen meine Kinder große Augen. “Reinsetzen!” entfährt es der sonst recht eloquenten Großen nur. Das wird gleich geschehen.

Eine böse Überraschung gibt es, als ich eine handelsübliche Klappbox quer in den Frachtraum stellen will. Um gut zwei Finger Breite passt das nicht! Längs würde es gehen, aber dann haben die Kinder keinen Platz mehr, um ihre Füße irgendwo zu lassen. Die Sache mit dem Frachtvolumen interessiert mich, und so stelle ich zum Vergleich noch einmal die Box meines Fahrradanhängers hinein: Plötzlich sieht der Unterschied zwischen Ulf und Anhänger gar nicht mehr so riesig aus… (siehe Foto). Allerdings passen in meinen Lastanhänger keine Kinder hinein, und den Croozer hab ich längst verkauft. Den fanden meine Kinder sehr schnell uncool, als sie Selbstfahrer wurden.

In Ulf hineinzuklettern, können sie gar nicht abwarten. Tatsächlich passen beide nebeneinander, die beiden Drei-Punkt-Gurte sind leicht angepasst und rasten in einem solide wirkenden Schloss ein. Ein kleinerer Einkaufskorb mit Henkel passt nun noch gut in den Fußraum.

Das Fahren mit 43 Kilo Kind an Bord und schließlich auch noch den Einkäufen lässt die Fahreindrücke der zurückliegenden Tage noch etwas deutlicher zum Vorschein kommen: Geradeaus rollt die Fuhre, bergauf muss Papa ackern. Von seinem Fanclub, der vor Regen und Wind geschützt gemütlich unter dem Cabrioverdeck sitzt, wird er dabei ordentlich angefeuert… Die zweieinhalb Kilometer bis zum Supermarkt dauern zehn Minuten. Mit dem Auto sind es sieben bis acht. Denn Ulf hat nur einmal die Chance, an einer Ampel zu stehen, der motorisierte Verkehr dreimal.

Ulfs Rückkehr

Segel setzen mit Kurs zurück nach Unna hieß es heute morgen für unseren Ulf – im wahrsten Sinne des Wortes. War die Windanfälligkeit seines Aufbaus in den vergangenen Tagen noch gut zu ertragen, so war heute morgen erstmals der Punkt erreicht, an dem Ulf eigentlich im Hafen hätte bleiben müssen. Wind von hinten war noch ganz witzig, weil man wirklich wie von Geisterhand geschoben wird. Wind von der Seite in den heutigen Stärken war bereits kriminell. Die Abfahrt von Opherdicke nach Billmerich hinunter hab ich Ulf einfach nur rollen lassen, ohne noch Druck aufs Pedal zu geben. Mehrfach bekam die Fuhre Versatz zur Seite, einmal steuerte Ulf zielgerichtet mit 35 km/h auf ein parkendes Auto zu, was bei seinen mauen Bremsen kein schöner Augenblick war. Hab aber noch rechtzeitig die Kurve bekommen, als die Böe abflaute. Vermutlich würde die Seitenwindanfälligkeit sinken, wenn man das Verdeck abnimmt, was innerhalb von wenigen Sekunden machbar sein dürfte. Aber: Auch das Verdeck muss ja irgendwie zurück!

Noch ein Malheur der Fahrt von heute: Als ich mit etwa 25 km/h durch eine Bodenwelle fahre, fällt der Ständer aus seiner Halterung. Ich werfe den Anker, und bis Ulf zum Stehen kommt, überlege ich, was da wohl im Vorderrad klemmen könnte, das ich nicht sehe. Erst im Stehen entdecke ich vor meinen Füßen die wahre Quelle des Schleifgeräusches. Schaden scheint der Ständer nicht genommen zu haben, und da er nach hinten hängt, hat er mich auch nicht in die Luft gehebelt.

Thema des Tages hätte eigentlich Ulfs Ausdauerleistung sein sollen. Angesichts des Windes muss ich es bei einer Hochrechnung belassen: Wer ausreichend Zeit hat und auf flachen Strecken unterwegs ist, kann wohl mit Ulf auch in den Urlaub fahren. Gepäckmitnahme stellt kein Problem dar… Die aufrechte Sitzposition, der dick gepolsterte Sattel und die gefederte Satteltstütze machen den Ritt kommod. Wer zwischendurch Tempo machen oder einen Berg hochfahren will, den bremst die Sitzposition à la Hollandrad. Mit nicht-perfektem Untergrund wie Dolomitsand oder Feldwegen kommt Ulf gut zurecht.

Ulfs letzter Dienst als Alltagsrad für mich besteht heute darin, das ausgebaute Hinterrad meines Tourenrades mit nach Unna zu nehmen. Das Schaltgetriebe bekommt nach über 5000 Kilometern Laufleistung ein Wellness-Ölbad bei Höni. Mit dieser Fracht an Bord laufe ich am SpontUN Ulfs derzeitigen Heimathafen an, wo Uwe Hermanski mich gleich begrüßt. Ulf wartet dort auf seine nächste Testcrew. Solange die Ulf-Buchungs-App noch nicht fertig ist, können sich Interessierte per E-Mail an ULF@adfc-unna.de wenden.

Ich selbst habe in vier Tagen bei acht Einzelfahrten insgesamt 61,34 Kilometer bei 490 Höhenmetern “geulft”. Die Zeit im Sattel betrug vier Stunden, elf Minuten und zwei Sekunden, was einem Tempodurchschnitt von 14,7 km/h entspricht. Die schnellste Einzelstrecke bin ich mit einem Schnitt von 17,9 km/h gefahren, das höchste gemessene Tempo lag bei 46,3 km/h. Zum Vergleich: Mein Jahresdurchschnitt 2014 auf dem Tourenrad lag bei 19,7 km/h, die schnellste Einzelfahrt bei 25,2 km/h im Mittel. Die Topspeed lag bei 59,8 km/h stammt aber vermutlich von keiner der Strecken, die ich mit Ulf gefahren bin.

Mein Fazit nach diesen Tagen ist ambivalent. Ulf hat mir und auch meinen Kindern Freude bereitet. Wer sich wie Björn Merkord für ein Leben ohne Auto entscheidet, dürfte einen interessanten Partner ihm finden. Was Ulf aus meiner Sicht nicht ersetzen kann, ist ein gut laufendes Tourenrad. Die Kombination aus Tourenrad und einem guten Anhänger ist günstiger, bringt ebenfalls gute Transportbedingungen, aber eben auch die Flexibilität, den Frachtraum abzukoppeln und stehen zu lassen, wenn er gerade nicht benötigt ist. Mit einem auch unbeladen noch schweren Ulf in 60 statt 40 Minuten nach Hause zu radeln, das ist selbst für mich ein wenig zu viel der Entschleunigung. Sein Gewicht und die hohe Windanfälligkeit sind der Preis für die hohe Zuladung. Die mauen Bremsen sind ein schlicht unnötiges konstruktives Versäumnis.

Sebastian Smulka